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„Wirtshausgeschichte“ aus Geigant im Jahre 1739/1740

Vor 282 Jahre hat sich die hier geschilderte Begebenheit zugetragen und ist aus heutiger Sicht eine wissenswerte Bereicherung für die Geiganter Ortsgeschichte.

Johann Schottenhammel, ein Bürger der Stadt Cham hat am 20. November 1739 von Christoph Urban in Geigant das Wirtshaus gekauft. Er versprach, zu Georgi, also am 23. April 1740 zur Anfrist 400 Gulden bar zu erlegen. Der Geiganter Hofmarksherr sagte zu, dass er ihm die Bäckersgerechtigkeit überlassen und ihm die Ausübung dieser „Pöckherstatt“, wie das damals hieß, bewilligt. Da Schottenhammel aber das Wirtshaus trotz etlicher schriftlicher und mündlicher Mahnungen nicht bezogen hat und es leer stand, soll nun der Chamer Magistrat unverzüglich dem Käufer auftragen, das Wirtshaus zu übernehmen, sowie die Bäckersgerechtigkeit auszuführen, und endlich Brot backen.

                                   Erste Seite des Original-Schreibens v. 11. 6. 1740, verwahrt im Stadtarchiv Cham

Fristsetzung bis 14. Juni 1740, da der damalige Grundherr Herr von Singer sich an diesem Tag eigens deswegen in „Gaigant“ einfinden wollte. Der Geiganter Hofmarksverwalter Kammerl schrieb den o. g. Text am 11. Juni 1740. Und damit beginnt der belegbare Hick Hack um dieses Tafern-Wirtshaus. Originalwortlaut Schreiben 1:

Kammerl schrieb am 11. Juli 1740 (also 4 Wochen später) und bedankt sich im Namen von H. v. Singer beim Chamer Magistrat, dass er Schottenhammel aufgefordert hat, am 14. Juni 1740 in Geigant zu erscheinen.

Schottenhammel aber kam der Aufforderung seiner Obrigkeit nicht nach. Statt vormittags kam er erst am Nachmittag nach drei Uhr und hat nicht einmal 1 Stunde gewartet.  Mit dem Vorwand, das Getreide auf dem Feld besichtigen zu müssen, fuhr er unverrichteter Dinge und ohne zu bezahlen wieder ab. Das „Würthshaus“ und die Pöckherstatt zu betreiben kam ihm nicht in den Sinn. Kammerl bat nun erneut schriftlich den Chamer Magistrat, dem Käufer Schottenhammel ernsthaft aufzutragen am Samstag den 16. Juli vormittags zu erscheinen, da sonst die Gefahr besteht dass der Verkäufer Christoph Urban mit seinem Anhang, (also seiner Familie) verarmt. Kammerl wies außerdem darauf hin, dass es höchste Zeit wäre, das Heu einzufahren, bevor es schlecht wird. Originalwortlaut Schreiben 2:

Die Stadt Cham erwiderte am 12. Juli 1740 dem Herrn Kammerl wie folgt: (er war auch Richter im Kloster Schönthal). Beim Besuch des Chamer Stadtuntertanen Schottenhammel in Geigant erfuhr dieser, dass die Geiganter Obrigkeit dem Urban sein Wirtshaus durch Verfügung weggenommen haben soll.  De facto sei somit der Kaufvertrag ungültig. Das, was Urban (wem auch immer) noch schuldig gewesen sein soll, wurde ihm abgezogen und das restliche Geld für das Anwesen von der Obrigkeit übergeben. Urban wolle aber nicht weichen und betreibe sowohl die Bäckerei als auch das Wirtshaus weiter, obwohl Schottenhammel schon längst einräumen hätte wollen.

Deshalb sei der Kauf, so Schottenhammel gegenüber dem Chamer Magistrat, annulliert worden. Das Brief-Protokoll, (heute würde man sagen die Notarurkunde) über den Kauf sei außerdem nicht vollständig.

Also äußerte Schottenhammel, dass das Anwesen nur für ihn „reserviert“ gewesen wäre, aber der Kauf offiziell nicht zustande gekommen sei.  Der Chamer Stadt-Magistrat wieß die Hofmarksherrschaft in Geigant explizit darauf hin, dass Schottenhammel nicht mit einer „Barschaft versehen“ sei, wohl aber Geld-Schulden habe, mithin ein schlechter Hofmarksuntertan für Geigant geworden wäre. Schottenhammel war demnach wohl schon länger als unvermögender Mann in Cham bekannt. Originalwortlaut Schreiben 3:

Im Auftrag des Hofmarksherrn Singer schrieb am 7. August 1740 Kammerl, dass Herr von Singer den Johann Schottenhamel „nicht vom Kauf abspringen lassen“ will. Eine Kopie dieses Schreibens erging an Herrn v. Singer, der zu dieser Zeit in München weilte. Singer bzw. Kammerl beriefen sich auf den gerichtlich protokollierten Kauf und darauf, dass inzwischen ein großer Schaden verursacht worden sei. Kammerl reklamierte, dass Schottenhammel seine Obrigkeit faktisch belogen hat mit der Behauptung, dass dem Christoph Urban das Wirtshaus weggenommen worden wäre.

Damit Urban und die Seinigen nicht Hunger leiden mussten, kam der Hofmarksherr in Geigant für deren Fortkommen auf. Weiter begründete er, dass niemand den Schottenhammel daran gehindert habe, das Wirtshaus zu beziehen. Wiederum bat Kammerl den Magistrat in Cham, den Schottenhammel am Dienstag den 16. des Monats in Geigant „antanzen“ zu lassen, damit man endlich das Getreide ernten könne und nicht noch weiterer Schaden verursacht würde. Originalwortlaut Schreiben 4:

Schottenhammel ist gestern, also am 16. August 1740 nicht in Geigant erschienen, trotz des Botenzettels, den der Kämmerer Altmann dem Schottenhammel am 11. des Monats überbracht hat. Offensichtlich verschärft sich nun der Ton, da dieser nun „schriftlich verpflichtet“ wurde. Aber die beiden Geiganter, Hofmarksrichter Singer und sein Verwalter haben wieder umsonst warten müssen. So das Schreiben v. 17. August 1740 an die Chamer Stadtverwaltung. Erneut beauftragte der Hofmarksverwalter die Chamer Stadtbeamten, Schottenhammel verbindlich aufzufordern nun am Erchtag, also am Dienstag den 23. August 1740 gewiss zu kommen, um in Güte eine einvernehmliche Lösung zu finden. Die liebe Getreideernte stehe vor der Tür und das Futter beim Wirtshaus wäre unbedingt einzubringen. Wegen der von Tag zu Tag wachsenden „Vncosten“ (Kosten) und der schädlichen Witterung für das Getreide soll nun endlich ein Abschluss herbeigeführt werden.  Unterschrieben wurde die Depesche mit "Dienstwilliger Singer von Moßau auf Geigant“. Originalwortlaut Schreiben 5:

Besagter Käufer aus Cham schrieb am 1. September 1740 nun selbst mit folgender und damals üblicher Anrede: „Hoch wohl gebornen gnädigen Herrn Herrn Freiherrn von Singer, Eur Hoch und wohlgebohrner freyherrlicher Gnaden". Er bat um Nachsicht, dass er die schuldige Aufwartung nicht machen konnte und begründete das mit seiner späten Heimkunft, weil etwas Wichtiges vorgefallen sei, und nannte als weitere Entschuldigung, dass er gehalten war, den Buß-Ablass einzubringen und deshalb unmöglich nach Geigant abkommen konnte.

In welch hohem Ansehen stand damals die christliche Verpflichtung? Oder wurde der Ablass als Ausrede genutzt? Wie Schottenhammel es doch perfekt verstand, den Stadtmagistrat und den Geiganter Hofmarksherrn gegeneinander auszuspielen? Er versprach, gewiss morgen, also am 2. September 1740 nach Geigantzu kommen, um seine Behausung in Augenschein zu nehmen und empfahl sich höflichst mit "Gehorsamber Diener Johann Schottenhambl, Bürger alda“. Originalwortlaut Schreiben 6:

Am 17. August 1740 bedankte sich der Hofmarksherr bei der Stadt Cham, weil sie Schottenhammel aufgetragen hat, nach Geigant zu kommen. Er war dann tatsächlich wie von der Obrigkeit befohlen am 23. August in Geigant, jedoch hatte er keinen einzigen Gulden dabei und konnte die längst fällige Anfrist-Summe, also die erste Rate des Kaufpreises nicht begleichen. So der Wortlaut des Schreibens vom 6. September 1740. Originalwortlaut Schreiben 7:

Schottenhammel musste (vielleicht deshalb?) ins Gefängnis. Seine Ehewirtin (Ehefrau) schickte darum am 31. August seinen Anwalt Namens Mayr nach Geigant. Der Anwalt musste Schottenhammel anschließend beibringen, endgültig am 1. September in Geigant zu bezahlen. Wer wieder nicht zahlte, kann man sich nun unschwer denken.

Schlussendlich begab sich der Grundherr Singer von Mossau nach Cham in das Haus des Schottenhammel, wo dessen Frau dem Geiganter Hofmarksherrn das Haus innen und außen besichtigen ließ. Der Ehemann war entweder noch im Gefängnis, oder wollte sich nicht sehen lassen. Offenbar wollte Singer als Gegenleistung für das nicht bezahlte Geiganter Wirtshaus das Schottenhammel-Anwesen in Cham haben.  Am 5. September sollte nun unbedingt wiederum Schottenhammel in Geigant vorstellig werden, allein, auch diesmal kam er nicht. Singer mahnte letztmalig beim Chamer Kämmerer an, Schottenhammel den Auftrag zu geben, am Samstag den 10. September zum Ende zu kommen und in Geigant das Getreide einzufahren, um weitere Unkosten zu vermeiden. Singer empfiehlt sich höflich mit "Dienstwilliger MJ Singer von Mossau zu Geӱgand"

Der Chamer Magistrat berief sich am 9. September 1740 auf den vorangegangenen Schriftverkehr v. 6. u. 7. September 1740 wegen ihres untergebenen Bürgers. Der Magistrat beabsichtigte, mit Schottenhammel einen „Khaufscontrakt“ zu schließen, indem dieser sein Chamer Anwesen an die Stadt Cham verkauft. Wegen momentan fehlender Barmittel wäre er (Schottenhammel) dann fähig, das Geiganter Objekt zu bezahlen. Damit die notwendige Beschreibung (Beurkundung) vor dem Richter stattfinden kann, bat der Chamer Magistrat den H. v. Singer, einen Bevollmächtigten abzuordnen, der zur Verbriefung nach Cham kommen sollte. Die angehäuften Schulden in Höhe von inzwischen 552 Gulden würden dann an die Geiganter ausbezahlt. Originalwortlaut Schreiben 8:

Kammerl erwähnte am 11. September 1740, dass er das Schreiben v. 9. Juni 1740 auch an den Hofmarksherrn Singer geschickt hat, der sich jetzt in Neunburg v. W. befand. Er wies den Chamer Magistrat darauf hin, dass Schottenhammel mit seiner leeren Behausung in Cham hochverschuldet war. Folglich auch künftig nicht im Stande wäre, weder die versprochene Angabsfrist zu bestreiten, noch das Wirtshaus und die Bäckerei in Geigant gleichsam ohne Kreuzer und ohne „Pfenning“ auf Dauer zu unterhalten. Wegen einer gütlichen Lösung bat er den Chamer Magistrat nochmals, den Johann Schottenhammel am Donnerstag den 15. September nach Geigant zu beordern, um persönlich mit dem Hofmarksherrn Singer ein gütliches Abkommen zu schließen und die Sache nicht noch weiter hinauszögern. „Innig und nebenbei höflichst empfiehlt“ Kammerl sich zum Schluß des Schreibens. Originalwortlaut Schreiben 9:

Kammerl schrieb nochmals am 15. Oktober 1740, dass die Stadt Cham nicht auf das Schreiben v. 11. September 1740 reagiert und keine Antwort erteilt hat. Kammerl war davon überzeugt, dass der Magistrat Cham den Schottenhammel am 17. September nach Geigant befohlen hat, aber wenn er halt nie kam. Nunmehr sollte der Magistrat den Schottenhammel am Erchtag, den 25. September 1740 nach Geigant schicken. Singer wollte den Schottenhammel anhören wegen seines Unvermögens das Geiganter Wirtshaus zu übernehmen, wiederum mit dem Zweck, nicht noch höhere Unkosten auflaufen zu lassen. Originalwortlaut Schreiben 10:

Der überkommene Schriftverkehr endet leider hier. Vielleicht kann anhand weiterer künftiger Forschungen festgestellt werden, wie der Streit schlussendlich aus der Welt geschafft wurde. Die obigen 10 Original Schreiben befinden sich seit fast 300 Jahren immer noch im Stadtarchiv Cham, zu finden unter der Signatur „Stadt Cham IV 79“. Herr Timo Bullemer, der Chamer Stadtarchivar hat freundlicherweise die Veröffentlichung der obigen Akten genehmigt. Bemerkenswert ist das unbeschädigte Siegel auf dem ersten Schreiben v. 11. Juni 1740.

 

          Das unzerstört erhalten gebliebene Briefsiegel in rotem Siegellack auf der Umschlagseite des ersten Schreibens.

Wer aber nun denken möchte, es handelt sich um das Bräuhaus, (heutiges Gasthaus Wild) oder um das benachbarte „Alte Haus“ Gasthaus Uhrmann, oder um das Wirtshaus zum Krug, oder aber gar um das Gasthaus Schall, der sei eines Besseren belehrt:

Die obige Geschichte trug sich zu im Anwesen der heutigen Familie Wolfgang und Veronika Deml, die Geiganter Zimmerei. Letztmalig wurde dieses Wirtshaus erwähnt im Urkataster aus dem Jahre 1840 als „1/32 Gütl, das alte Wirtshaus“.

Am unteren Rand der Uraufnahme von Geigant (Ausschnitt unteres Dorf) sieht man die Hausnummer 25, (Mitte) heute Hauptstraße 19 am linken Bildrand die Geiganter Mühle mit dem Mühlweiher, darüber die Kirche mit der Hausnummer 53 

Kreisarchivpfleger Josef Ederer aus Katzbach hat die Schriftstücke transkripiert und in die heutige Sprache umgeschrieben, um diesen „Geiganter Wirtshauskrimi“ den Lesern verständlich darzustellen. Das Hin und Her Gezänke dauerte nachweislich insgesamt 11 Monate, vermutlich noch länger. Der belegbare Schriftverkehr ging über insgesamt 4 Monate, von Juni bis Oktober 1740.  

Weitere historische Details der Katzbacher und Geiganter Geschichte, siehe dazu folgende Links: Die Wappen der Hofmarksherren von Geigant, uralter Webstuhl in Katzbach, die Bürgermeistermedaille aus Katzbach, Geiganter und das Kloster Walderbach, edle Geiganter und die Schönthaler Klosterurkunden, Katzbach und Geigant vom 14. bis zum 16. Jahrhundert.

© by Josef Ederer, Katzbach 33, 93449 Geigant im April 2021