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Sage mir Deinen Namen!

„Vater ist nicht, Mutter war nicht. Ich, der Sohn von einer Tante, die blieb schon lange tot, eh ich sie kannte“

Dieser altbekannte originelle Versuch einer Personenverschleierung fiel mir ein, als ich heute in den Nachrichten sah, dass mehrere Asylbewerber keine Auskunft über ihre Identität geben konnten oder wollten, um – verständlicherweise – das eigene Leben zu retten. Mitunter sind es aber auch ganz banale Gründe, weshalb man seinen Namen ändert, wie die Geschichte der 16-jährigen Lina zeigt, die in unserer Familie eine ganz besondere Rolle spielte. Nur soviel sie hier schon mal vorweg verraten: Die Sache ist ganz schön verwickelt. Aber: Es gibt ein Happy End.

Die Geschichte begann mit einer schallenden Ohrfeige, die die Lina einem kessen Offizier verpasst hatte, nachdem er versucht hatte, sie zu küssen – in der Schneiderwerkstatt ihrer Schwester.

Der tödlich beleidigte Offizier fürchtete seinen „Ehrverlust“ und die Schmach, wenn das ruchbar würde. So drohte er der armen Lina mit einer Anzeige und Gefängnis. Nach dieser Drohung lief sie wiederum Hals über Kopf davon und versteckte sich lange Zeit – keine Ahnung wo. So wie wir Mädels halt nun mal sind.

Erst als ihre Schwester verstorben war, kehrte Lina heim und führte unter dem Namen ihrer Schwester – Jaenicke – deren Schneiderei, mehr recht als schlecht, weiter. Aufgrund ihrer misslichen finanziellen Lage vermietete sie auch Zimmer an Studenten. Just zu dieser Zeit tauchte mein Onkel Oskar bei ihr auf, um in der Stadt zu studieren und er mietete sich bei ihr ein.

Aus der Provinz kommend interessierte sich der fesche junge Mann jedoch mehr für die Vergnügungen der Stadt und trat voller Begeisterung dem dortigen Ruderclub bei. Von hübschen Damen umringt, war bald abzusehen, dass ein Studium keine wirklich gesicherte Grundlage für sein flottes Leben werden würde.

Kurzerhand wandte er sich dem lukrativen Holzhandel zu und heiratete in das Geschäft ein. So trennten sich die Wege von Onkel Oskar und Fräulein Jaennicke. Etwas später zogen dann zwei weitere meiner Onkels bei ihr ein und so wurde sie in unserer Familie nach und nach als quasi „vollwertige“ Tante auch als solche aufgenommen.

Leider wurden wir nach Kriegsausbruch in alle Richtungen versprengt und sahen uns lange nicht mehr wieder. So verschlug es uns nach der Flucht aus dem Baltikum alle nach Geigant. Und siehe da: Onkel Oskar und Lina, alias Fräulein Jaenicke, zogen zusammen in ein Haus. Und Lina – von Oskar liebevoll „Linze“ genannt – führte ihm den Haushalt und sie lebten zusammen bis ans Ende ihrer Tage. Und wenn sie nicht gestorben wären, dann …

Wie Märchen halt so enden, könnten wir jetzt sagen, wenn´s ein Märchen wäre. Aber die Geschichte ist wahr und wirklich so passiert – wie im wahren Leben: Diese Tante war geliebt und verehrt von der ganzen Familie, und wir waren froh, sie bei uns zu haben.

Ende gut, alles gut …

Obigen Text hat Frau Biruta Schönberger aus Cham im November 2017 in der Bayerwald Echo veröffentlicht.

Frau Biruta Schönberger in ihrem Atelier in Cham


Die ehemalige Gemeinde Katzbach war froh, „Onkel“ Oskar Gerstendorff und Tante Lina in Kühnried zu haben. Denn Gerstendorff war über Jahrzehnte hinweg der Katzbacher Gemeindeschreiber und hat in dieser Funktion tatkräftig am Aufbau der hiesigen Infrastruktur mitgewirkt.

Und wie Frau Schönberger telefonisch wissen ließ, wurde er in Katzbach von der Damenwelt ebenso verehrt, als früher bereits im Baltikum, sodass Tante Lina ihn oftmals verleugnen musste und teilweise sogar das kleine Pfarrerhäusl in Kühnried versperrte, damit die Frauenwelt nicht das Häuschen stürmte, während Oskar bei einem gemütlichen Schafkopf im Gasthaus Schall in Geigant seine Freizeit verbrachte.

© by Josef Ederer Katzbach 33, November 2017